Was jetzt (nicht) unser Auftrag ist

als Christen in Corona-Zeiten

„MAN MUSS GOTT MEHR GEHORCHEN ALS DEN MENSCHEN!!“
Apostelgeschichte 5,29

Virtuell schreit mein Freund mir diesen Satz entgegen. „Wer jetzt die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat, der will sie nicht sehen! Diese Zeiten fordern uns zum Handeln auf!“ „Amen!“ möchte ich sagen – lass uns losgehen, ein paar Freunden das Evangelium bringen, solange noch Tag ist! Aber das meint er nicht. Ich soll mir Youtube-Videos anschauen. Das meint er. Videos über Bill Gates und Impfungen. Predigten über den Auftrag der Christen, den Staat auf die Sicherung der demokratischen Grundrechte zu verpflichten.

„Man muss Gott mehr gehorchen...“ – eine wichtige Wahrheit: Unser Gewissen ist gebunden an Gottes Wort. Aber was ist der Zusammenhang, in dem dieser Satz des Apostels Petrus dieser Tage meist kursiert? Gesundheitspolitische Maßnahmen, die unsere bürgerlichen Freiheiten zum Teil empfindlich einschränken, werden als unzulässig verstanden – vor allem da, wo sie auch unser Gemeindeleben betreffen. Der Grund für diese Deutung ist meist, dass man die Einschätzung bezüglich der Gefährlichkeit von Covid-19 nicht teilt oder dass man andere Maßnahmen, die geringere wirtschaftliche und gesellschaftliche Konsequenzen hätten, bevorzugen würde. Deshalb wird von den Kanzeln und in den Youtube-Kanälen zu Wachsamkeit bis Widerstand aufgerufen, es wird gerichtlich geklagt gegen Gottesdienstverbote, High-Noon-Stimmung, rote Linien werden in den Sand der Livestream-Gottesdienste gezogen.

Ich frage mich: Ist das unser Auftrag? Wollen wir wirklich „den Bekenntnisfall ausrufen“ über zeitlich begrenzte Virenschutzmaßnahmen, die alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Maße treffen, keine ideologische Stoßrichtung haben und schon im Rückgang begriffen sind?

Verfolgungs- oder eher Evangeliumszeit?

Man bekommt hier und da den Eindruck: Die europäischen Christen wissen mehrheitlich nicht mehr, was Verfolgung heißt, und manche konstruieren sich jetzt eine überhöhte heilsgeschichtliche Bedeutung, indem sie eine allgemeine Krise (nicht für Christen im Besonderen!) in den Kontext historischer Christenverfolgung stellen. Aber das ist eine leichtfertige Überhöhung der Situation. Der oben zitierte Präzedenzfall für Ungehorsam gegen den Staat ist nämlich die Weigerung der Apostel, sich die Verkündigung des Evangeliums vom auferstandenen Christus verbieten zu lassen – der Kernbotschaft des christlichen Glaubens. Ich kann mich nicht entsinnen, in diesen Tagen an dem Zeugnis über die Hoffnung, die ich habe, gehindert worden zu sein. An vielen Orten fand die Kampagne für das Buch von John Lennox zu Corona überaus großen Anklang, in vielen Städten Deutschlands, Österreichs und weltweit gab es evangelistische Aufbrüche, und viele von uns haben erlebt, wie Kollegen und Freunde plötzlich offen waren für Gespräche über Gott. Wunderbar!

Pandemien waren schon immer Zeiten, in denen Gottes Wort Raum gewinnen konnte – weil die Christen darin Gelegenheiten zum aufopfernden Dienst sehen konnten, nicht zur Rebellion gegen den Staat.

Ich kenne Geschwister in Indien, die als einzige in den Siedlungen der gestrandeten Wanderarbeiter und den Lepra-Kolonien die nötigsten Lebensmittel verteilen – dort, wo nun auch noch Corona wütet und wo kein Regierungsbeamter mehr hingeht. Was für ein Zeugnis – wie gut, dass sie keine Youtube- Aufklärungs-Kanäle betreuen müssen, sondern Zeit haben für ihren Dienst! Liebe Geschwister mit den Corona-Hintergrund-Botschaften, darf ich euch fragen: Es ist Evangeliumszeit, ein wenig, seit langem einmal wieder – woher nehmt Ihr nur die Zeit und den Auftrag, jetzt die Christen mit dritt- und viertrangigen Themen zu beschäftigen?

Fast wie zur NS-Zeit?

Manche hiesige Prediger und Social-Media-Verkündiger ziehen derzeit wenig subtile Parallelen zwischen NS-Staat und aktueller Lage – meist (nicht immer!) mit der Bemerkung, dass man noch nicht dort sei, aber sehen könne, wohin es führe, wenn die Christen dem Staat zu sehr hörig seien. Das stimmt. Das Risiko, schleichend in eine solche Situation zu geraten, ist heute mindestens so groß wie damals. Denn wir sind ja keine besseren Menschen, keine mutigeren Christen. In diesem Sinne kann man die Corona-Situation als Weckruf verstehen: Vielleicht waren in diesem Fall die ergriffenen Maßnahmen vernünftig (ich kann das nicht beurteilen) – aber es bleibt der heilsame Schreck:

Die Freiheiten und Rechte, auf denen wir mit unserem bequemen, wenig anstößigen und weitgehend gesellschaftskompatiblen Gemeindeleben ruhen, sind weit weniger sicher, als wir dachten. Das ist keine schlechte Erkenntnis, vielleicht zur rechten Zeit. Dennoch muss man mit aller Deutlichkeit festhalten: Die aktuelle Corona-Situation hat nichts mit den Eingriffen des NS-Staates in kirchliche Lehre und Praxis zu tun.

Niemand schwört uns auf einen antigöttlichen „Führer“ ein, niemand zwingt uns zu rassistischen Gemeindesatzungen oder bedroht unser Leben, wenn wir Jesus als unseren Herrn bekennen. Wollen wir wirklich unsere im Netz und in der realen Welt jederzeit möglichen Vorträge über jede noch so abwegige These mit einer Predigt von Wilhelm Busch oder Paul Schneider in der NS-Zeit vergleichen? Predigten, die diese Männer die Freiheit und manchen das Leben kosteten? Ich kann beim besten Willen keine Parallele erkennen. Wenn ein Wilhelm Busch, ein Dietrich Bonhoeffer oder Paul Schneider das eigene Leben riskiert oder drangibt, um einem wahnwitzigen Führerstaat entgegenzuhalten: „Ich muss Gott mehr gehorchen...“, dann ist es wirklich keine gute Idee, die aktuelle Situation damit in Verbindung zu bringen. Solche großen Gesten und fundamentalen Haltungen nutzen sich ab, wenn sie auf vergleichsweise nichtige Anlässe verschwendet werden.

Rechte erstreiten?

Petrus und die anderen Apostel führen keinen Rechtsstreit um ihr Recht auf Meinungsäußerung – sie tun, was sie tun, tragen die Konsequenzen und erleben Wunderbares. Petrus hat nichts Unrechtes getan, daher gebraucht er selbstverständlich die ihm gebotene Gelegenheit, das Gefängnis zu verlassen. Warum auch nicht? Er flieht ja nicht ins Ausland, sondern zurück auf die Straße. Am Ende bezahlt er mit dem Leben für seine Verkündigung. Sein Kampf war nicht der um sein Recht und seine Freiheit, sein Kampf war der um die Seelen seiner Mitmenschen. Dafür ging er auf die Straße, ins Gefängnis, aus dem Gefängnis, in den Tod. Ich bete, dass ich in solchen Zeiten (sollte ich sie erleben) solche Prioritäten setzen kann wie Petrus. Paulus ist vor Gericht in mehrere Prozesse verwickelt – weil er vor Gericht gezerrt wurde. Dort allerdings diskutiert er nicht Staatstheorie und Freiheitsrechte, sondern verkündigt das Evangelium und bezeugt seine Verpflichtung auf den Herrn Jesus Christus. Das ist zugegebenermaßen eminent politisch in einer Welt, die auf den Kaiser verpflichtet ist – und da findet sich in der Tat eine Parallele zu Wilhelm Busch und den Helden der Bekennenden Kirche, man höre sich z.B. Buschs Vorträge über seine „Begegnungen mit der Geheimen Staatspolizei an“. Aber da stehen wir in Deutschland heute nicht – verhöhnen wir nicht mit leichtfertigen Vergleichen die Geschwister, die wegen ihres Glaubens in Gefängnisse geworfen wurden und werden!

Verschwörer identifizieren?

Auch kann ich weder bei Paulus noch bei Petrus oder gar unserem Herrn die Kolportage von spekulativen Theorien über Reiche und Mächtige finden. Warum erfahren wir in den Evangelien nicht mehr über die „Verstrickung des sadduzäischen Priestertums mit römischen Machtstrukturen“? Warum klärt Paulus uns nicht auf der Grundlage „nicht näher genannter Quellen unter den Asiarchen“ über Netzwerke in der Götzenproduktion Kleinasiens auf? Anders herum gefragt: Müssen Prediger in einer Gottesdienstpredigt über Bill Gates sprechen, höchst umstrittene Unterstellungen inklusive? Man könnte wirklich meinen, einige Christen hätten in der Pandemie den Ausnahmezustand und im Netz den rechtsfreien Raum gefunden, die sie von der Verpflichtung auf die Wahrheit entbinden. Aber das ist fatal: Nur weil jemand reich und mächtig ist, dürfen Christen nicht öffentlich über ihn sagen, was nicht erwiesen ist. Nur weil es ihre Theorie zu stüt- zen scheint, dürfen Christen nicht ungeprüft Behauptungen übernehmen.

Glücklicherweise ist es auch nicht die Art des Neuen Testaments, spekulatives Geraune zu verbreiten. Man zähle die Fragezeichen mancher Predigt dieser Tage: „Was ist, wenn wir in ein paar Monaten immer noch nicht Gottesdienst feiern dürfen? Was ist, wenn die Impfpflicht kommt? Was ist, wenn ...“ – das ist der Stil des Populismus: Nichts behaupten, sondern fragen und verunsichern – eine düstere Zukunft, wabernd im Nebel des Konjunktivs! Was ist, wenn die Zukunft schwieriger wird als die Gegenwart? Ja, das ist nicht ganz ausgeschlossen, wenn man in die Bibel hineinschaut ... Nun, dann werden wir uns hoffentlich in den Jahren davor nicht nur mit Angst schürenden Zukunftsvisionen beschäftigt haben, sondern mit Dingen, die „das Herz durch Gnade befestigen“. Worin bei mancher aktuellen Corona-Predigt der Mehrwert für Christen in Krisenzeiten liegen soll, ist schwer zu erkennen. Im Gegenteil: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen eine Traube oder von Disteln Feigen?“ (Mt. 7,16). Ich sehe, was die Frucht dieser Predigten bei manchen Geschwistern ist: Zunehmende Angst, grassierende Verunsicherung, beständiges Kreisen um tagesaktuelle Politik, spalterischer Eifer, wachsender Hass. Tragisch: Wäre der missionarische Eifer mancher Geschwister in diesen Tagen statt auf Corona-Aufklärung auf den Herrn und das Evangelium gerichtet – was könnte der Herr durch sie alles tun!

Hier steht unendlich viel auf dem Spiel – es gilt der Maßstab, der immer gilt: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (5.Mo. 5,20).

Weise Vorbereitung auf schwierige Zeiten

Natürlich ist es eine berechtigte Frage: Wie bereitet man sich als Gemeinde vor auf Zeiten, in denen der Glaube vom Staat angegriffen wird? Eine wichtige Maßnahme ist: Nicht zu oft falschen Alarm ausgeben. Was hat die Christenheit schon gelitten durch falsche Endzeitprophetien – welche Hysterien wur- den schon durch „Zeitungsexegeten“ ausgelöst! Ich meine damit nicht, dass Christen keinen wachen Blick auf die Zeichen der Zeit haben sollten. Jesus tadelt seine Zeitgenossen für ihre Unfähigkeit, diese Zeichen zu erkennen. Allerdings will er nicht zu politischer Rebellion aufrufen, sondern zu Buße und Glauben – und zu weisem Umgang mit der begrenzten Zeit:

„Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann“ (Joh. 9,4).

„Heute im Kleinen treu sein“, das war sinngemäß der Rat von Pastor Wilhelm Busch auf die Frage, wie man sich vorbereitet auf Zeiten der Entscheidung. Wir sollten Freiheiten treu nutzen, solange sie da sind, statt ihren möglichen Verlust in der Zukunft wortreich zu beklagen! Es geht weit mehr „Evangeliumszeit“ verloren durch Faulheit und Weltlichkeit, Social Media und Streamingdienste als durch Verfolgung. Lasst uns die Hoffnung treu bezeugen, so oft jemand danach fragt! Immer noch sehr beeindruckend ist für uns westliche Christen die Reaktion der chinesischen Geschwister auf Maos Kulturrevolution – ganz nach dem nüchtern-realistischen Leitvers, „Kauft die gelegene Zeit aus, denn die Tage sind böse“ (Eph. 5,16): Angesichts der rasant sich schließenden Türen für das Evangelium starteten sie einen Evangelisationsfeldzug unter Aufbietung aller Kräfte.

Unser Auftrag: Licht und Salz sein

Was ist nun mein Auftrag in der Zeit der Krise? „Ihr seid das Salz der Erde. [...] Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt. 5,13;14). Was ist die Wirkung von Salz? Es macht durstig! Salz sein – das meint ein Leben, das Fragen erzeugt, das Sehnsucht weckt – nach der Hoffnung in uns. Was ist die Wirkung von Licht? Es macht sichtbar. Nicht die „wahren“ Hintergründe dieser oder jener gesellschaftlichen Entwicklung (als ob wir die herausfinden würden!) – das sind alles nur Nebelschwaden und Schattierungen von Dunkelheit. Dieses Licht zeigt die eigentliche, die letzte Wirklichkeit. DIE Wahrheit: Jesus Christus (Joh. 14,6). Das ist mein Gebet: Dass in dieser Zeit eine Hoffnung an mir sichtbar wird, die nicht von dieser Welt ist – und dass, wer mir zuhört, etwas erfährt von dem, der die Wahrheit ist. Wie sieht man an mir, dass Hoffnung und Wahrheit in meinem Leben Einzug gehalten haben? Sicher nicht, indem ich Botschaften voller Hoffnungslosigkeit, Verunsicherung und potentieller Unwahrheit verbreite! „So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen.“ (Mt. 5,16). Also haben meine indischen Freunde doch den besseren Weg gewählt, oder?

Geschwister, wir sind doch die mit der Hoffnung!

Wir sind die mit dem Frieden! Wir sind die mit der Wahrheit! Ich frage meinen Freund: Wollen wir wirklich in der Ewigkeit einmal Rechenschaft über unsere Zeit ablegen und dann sagen: „Ich bin der, der die Corona-Verschwörung fast aufgedeckt hätte“ – „Ich bin der, der den Menschen die Augen geöffnet hat über Bill Gates und die Zwangs-Impfung“? Ich weiß nicht, was ich über diese Themen denken soll, jedenfalls nicht sicher genug, um mich öffentlich dazu zu äußern.

Aber eins weiß ich: Ich habe Wichtigeres zu tun, Größeres zu verkünden, meine Bestimmung ist eine höhere als das.

Und deine auch, oder?




Matthias Swart

Mitarbeit im Ältestenteam der Christlichen Gemeinde Jena-Lobeda.

Bildnachweis: Photo by Markus Winkler on Unsplash

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