Neu: Die große Studien- und Kommentarausgabe

11. Aug 2026

von Dr. Martin P. Grünholz

Elberfelder Bibel: Die große Studien- und Kommentarausgabe

Die beiden Verlage SCM R. Brockhaus und die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg haben sich zusammengetan, um ein publizistisches Mammutprojekt zu veröffentlichen. Die Elberfelder Bibel genießt im deutschsprachigen Raum den Ruf als die strukturtreueste und philologisch exakteste Bibelübersetzung. Der Text der revidierten Übersetzung von 2006 wurde nun genommen und mit über 20.000 Erläuterungen ergänzt zu einer über 2.700 Seiten starken Studien- und Kommentarausgabe. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine neue Kommentierung, sondern um die vollständige deutsche Übersetzung der international hochgelobten ESV Study Bible, die Crossway erstmals 2008 veröffentlicht hat. 

Nun könnte direkt der Einwand kommen, ob es mit dem Arbeitskreis für Evangelikale Theologie (AfeT) und der Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten (KbA) nicht auch genug eigene Theologen gegeben hätte, um ein solches Projekt für den deutschsprachigen Raum mit örtlich verwurzelten Theologen herauszugeben. Doch wer sich die Qualität der Kommentierung näher betrachtet, die über 200 Seiten theologische Fachartikel liest oder das umfangreiche Kartenmaterial sowie archäologische Hinweise durchgeht, wird feststellen, welche enorme Qualität hinter dieser Arbeit steht, und dankbar für die Übersetzung ins Deutsche sein.

Ein Team von 95 führenden konservativen, zumeist nordamerikanischen Theologen steht hinter dem Werk unter der leitenden Herausgeberschaft des Theologen Wayne Grudem und dem verantwortlichen Herausgeber für theologische Fragen, J. I. Packer. Jedes Buch wird durch eine Einleitung mit den klassischen Einleitungsfragen eröffnet, bevor eine Vers-für-Vers-Kommentierung erfolgt und durch etliche Spezialkommentare ergänzt wird. Hier findet sich durchgehend durch die Bibel eine enorme Fülle an farbigem Kartenmaterial (über 200 Karten) sowie über 200 hilfreichen Tabellen. 

Zum Bundesschluss mit Abram in Gen 17 wird bspw. eine Tabelle mit vier unterschiedlichen Arten von Abrahams Nachkommen angeboten oder bei 1Kön 12 eine zweiseitige Tabelle mit der vollständigen Königstafel, einmal des Nord- und einmal des Südreiches inkl. Datierung, Bibelstellen und ergänzenden Erklärungen. Bei Mt 10 ergänzt eine interessante Tabelle mit der Apostelliste im Vergleich von Mt 10, Mk 3, Lk 6, Joh-Ev. und Apg 1, jeweils mit dem Hinweis auf die unterschiedliche Reihenfolge der Zählung. Transparent geht die Studienbibel auch mit Unsicherheiten bzw. offenen Fragen um: Wenn zum Beispiel bei der Einführung in die Theologie des Neuen Testaments als Geburtsjahr Jesu 5 v. Chr. angegeben wird, so wird dies mit einem * versehen und darauf hingewiesen, dass es „geschätzt“ sei (1708). Manchmal erfolgt dann auch eine längere Erklärung, z. B. weil als Datum der Kreuzigung „33 (oder 30)“ angegeben wird, erfolgt dann ein Artikel mit den Argumenten für das Jahr 33 und für das Jahr 30 und weshalb die Autoren 33 präferieren (1711 f.). Vergleichbar ist bei der Theologie des Alten Testaments die Frage der Datierung der Erzväter und Richterzeit, wenn von der Frühdatierung des Exodus 1446 oder von dessen Spätdatierung 1260 ausgegangen wird (10–12). All dies dient nicht nur der Transparenz und wissenschaftlichen Redlichkeit, sondern fördert das theologische Nachdenken und Forschen.

Methodisch ist der Kommentarapparat tief in einer konservativ-evangelikalen Hermeneutik verwurzelt. In der Einleitung wird darauf hingewiesen, dass die Autoren alle „klassisch-konservative Theologie in der Tradition der protestantischen Reformation“ vertreten, durchgehend der Begriff „evangelikal“ verwendet wird und die gemeinsame Überzeugung geteilt wird, dass die Bibel vollkommen wahr und irrtumslos ist. Für die deutsche Ausgabe wurde ergänzt, dass Leser mit einer lutherischen, pietistischen oder brüdergemeindlichen Prägung an manchen Stellen evtl. irritiert werden könnten. Denn die Theologen kommen meist aus dem reformierten bis (neo-)calvinistischen Bereich, weshalb stärker ein bundestheologischer statt eines dispensationalistischen Ansatzes vertreten wird oder die Erwählung durch Gott gegenüber der Verantwortung des Menschen mehr im Vordergrund steht (viii). Neben den genannten Verantwortlichen sind etliche Verfasser der Erklärungen auch im deutschsprachigen Raum bekannt, wie Gordon J. Wenham, Raymond C. Ortlund Jr., Hans F. Bayer, Thomas R. Schreiner oder David W. Chapman.

Ein zunächst unscheinbarer Schatz für das theologische Studium verbirgt sich jedoch im Anhang des Bandes. Die Ausgabe enthält auf über 200 Seiten erstklassige theologische Fachartikel, die in anderen Studienbibeln in der Regel gänzlich fehlen. Hier finden sich kompakte, aber hochgradig fundierte Abhandlungen zur biblischen Theologie (Heilsgeschichte), zum Schriftverständnis, zur Ethik (von der Lebensethik und Bioethik über Sexualethik bis hin zu Krieg und Frieden), zur Kirchengeschichte sowie zur Apologetik und zum Verhältnis des biblischen Christentums zu anderen Weltreligionen. Für die Qualität dieser Artikel stehen neben bereits genannten Namen wie C. John Collins, Mark Dever und John Piper. Damit fungiert diese Studienbibel de facto gleichzeitig als einbändige systematische Theologie und als dogmatisches Nachschlagewerk.

Es bleibt die Frage nach der Zielgruppe. Mit einem Anschaffungspreis von 130 Euro richtet sich die Große Studien- und Kommentarausgabe zweifellos an ein Publikum, das bereit ist, in fundiertes biblisches Werkzeug zu investieren. Wer einen tiefen, exegetisch sauberen und theologisch konservativen Zugang zur Schrift sucht, findet hier auf Jahre hinaus alles, was er benötigt. Es ist kein Understatement, dieses Werk als den neuen Goldstandard unter den deutschsprachigen Studienbibeln zu bezeichnen.

Martin P. Grünholz





Dr. Martin P. Grünholz 

Dozent für Systematische Theologie & Kirchengeschichte 

an der BTA Wiedenest



Titelfoto: Pexels_Leticia Alvares; Foto im Artikel: Buchladen Forum Wiedenest

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