02. Okt 2026
von Gerd Leupold
Es gibt Bücher über Christenverfolgung, bei denen man schon nach wenigen Seiten ahnt, worauf sie hinauslaufen werden. Man liest von Mut, Leid und einem Glauben, der auch unter Druck bestehen bleibt. Wie ein Schaf unter Wölfen von Cristian Nani erzählt ebenfalls eine solche Geschichte, hat mich im Laufe der Lektüre aber stärker beschäftigt, als ich zunächst erwartet hatte.
Im Mittelpunkt steht Nasiry, der in Afghanistan aufwächst und schließlich Christ wird. Mit seiner Bekehrung beginnt ein Weg, der ihn immer stärker in Konflikt mit seinem Umfeld und später auch mit staatlichen Behörden bringt. Sein Glaube bleibt dadurch irgendwann nicht mehr nur eine persönliche Überzeugung, sondern fordert einen sehr konkreten Preis.
Je ernster Nasirys Situation wird und je deutlicher die Folgen seiner Entscheidung für Jesus hervortreten, desto stärker bewegt einen das Geschehen. Besonders eindrücklich sind die Abschnitte über Gefangenschaft, Folter und Misshandlung. Der Autor beschönigt hier wenig, weshalb manche Szenen schwer auszuhalten sind und man das Buch wohl kaum einfach nebenbei lesen wird. Gerade diese Unmittelbarkeit macht jedoch sichtbar, was hinter Begriffen wie Christenverfolgung und fehlender Religionsfreiheit tatsächlich stehen kann. Was aus der Distanz schnell abstrakt klingt, bekommt hier plötzlich ein Gesicht.
Bemerkenswert fand ich außerdem Nasirys Beziehung zu seiner Frau. Vor seiner Bekehrung schlägt er sie, und gerade daran zeigt sich etwas von der Stellung und dem Leid, das Frauen in diesem Umfeld häufig erfahren. Umso auffälliger ist die Veränderung, die nach seiner Begegnung mit Jesus einsetzt. Nasiry beginnt, seine Frau anders zu sehen, anders mit ihr umzugehen und sie zu lieben.
Natürlich lässt sich anhand einer einzelnen Biografie keine ganze afghanische Kultur erklären. Trotzdem zeigt dieser Teil der Geschichte sehr anschaulich, wie tiefgreifend der Wandel sein kann, den Menschen erleben, wenn sie Christus begegnen. Bei Nasiry verändert sich eben nicht nur seine religiöse Überzeugung. Seine neue Beziehung zu Jesus greift in seinen Alltag hinein und prägt ganz konkret den Umgang mit dem Menschen, der ihm am nächsten steht.
Für mich liegt darin eine der stärksten Seiten des Buches, weil die Frage nach Nachfolge dadurch fast von selbst entsteht. Was bedeutet es eigentlich, Jesus zu folgen, wenn diese Entscheidung die eigene Sicherheit, Beziehungen oder sogar das Leben gefährden kann? Welche Bedeutung bekommen Bibel, Gebet und Gemeinde, wenn der Glaube weit mehr kostet als ein wenig Zeit am Sonntag? Das Buch stellt diese Fragen nicht ständig ausdrücklich, doch sie begleiten einen beim Lesen.
Christsein bedeutet dort etwas anderes als die Frage, welche Gemeinde zu mir passt oder welchen Gottesdienststil ich bevorzuge. Es kann Einsamkeit, den Verlust vertrauter Beziehungen und reale Gewalt bedeuten. Dabei romantisiert das Buch Verfolgung keineswegs, sondern zeigt einen Menschen, der Angst, Schmerzen und Zweifel erlebt und dennoch an Christus festhält.
Wie ein Schaf unter Wölfen ist keine leichte Lektüre, und manche Passagen sind sogar schwer auszuhalten. Gerade darin liegt jedoch ein Teil seines Wertes, denn das Buch erinnert daran, dass Nachfolge für viele Christen weltweit keine theoretische Frage ist. Gleichzeitig bleibt eine unangenehme, aber wichtige Frage zurück: Welchen Wert hat Christus für mich, wenn der Glaube plötzlich etwas kostet?
Ganz am Ende bekommt Nasirys Geschichte übrigens noch eine überraschende Verbindung nach Deutschland. Welche Rolle Deutschland dabei spielt, möchte ich nicht vorwegnehmen. Nur so viel: Es lohnt sich, die Geschichte wirklich bis zur letzten Seite zu lesen.

Gerd Leupold
Leiter bEHErzt Ehe- und Familienarbeit
im ChristusForum Deutschland
Foto: Buchladen Forum Wiedenest