02. Aug 2024
von Markus Schäller
Das unscheinbare Büchlein mit dem Titel „Ehe, Familie und Agamie“ im Format 18 x 11,5 cm könnte neben den dicken Wälzern im Regal glatt übersehen werden, aber seine 239 Seiten haben es in sich.
Sein Autor: Ein sympathischer, relativ junger Professor für Neues Testament an der renommierten Universität Heidelberg. Matthias Becker ist Altphilologe und Theologe. D.h. er geht mit hoher Fachkompetenz zu Werke, was das Verständnis antiker Texte im Umfeld des Neuen Testaments betrifft.
In der aktuellen Debatte um die christliche Sexualethik werden mitunter Zitate antiker Autoren selektiv aus dem Zusammenhang gerissen, um eindeutige Aussagen des Neuen Testaments auszuhebeln (Stichwort Dekonstruktion). – Da ist es so wohltuend, einen ausgewiesenen Fachmann zu lesen, der sich in der griechisch-römischen Literatur bestens auskennt. Wie das ungebräuchliche Wort „Agamie“ (Ehelosigkeit) im Titel vermuten lässt, wendet er sich an ein theologisch vorgebildetes Publikum
Der Aufbau des Buches ist gut nachvollziehbar.
Angefangen bei maßgeblichen Stimmen größter Wertschätzung der Ehe (insbes. Plutarch, Musonius Rufus, Epiktet) und den Ehegesetzen von Kaiser Augustus über Fragen sexueller Orientierung und des Geschlechterdiskurses bis hin zu derber, obszöner Dichtung (Martial, Juvenal) zeichnet Matthias Becker in Teil 1 nach, was in der antiken Welt gedacht, diskutiert und gelebt wurde: Liebesehen, Ehekritik, Scheidungen, außereheliche Beziehungen, unverheiratetes Zusammenleben, Konkubinate, Pflegeeltern, Patchworkfamilien, Abtreibungen, Pädophilie, Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität, Prostitution... Im Grunde die ganze Palette, die auch unsere Gesellschaft prägt. Allein die Darstellung der Bandbreite sexueller Vielfalt anhand belastbarer Quellen ist eine Fundgrube für jeden, der sich ein profundes Bild des Kulturkreises machen will, in dem sich frühchristliche Gemeinden zu bewähren hatten. „Im Bewusstsein der familienethisch und sexualmoralisch heterogenen Situation in den Städten des Imperium Romanum“ geht es in Teil 2 um die Frage, „wie die neutestamentlichen Autoren ihre als normativ intendierten Aussagen begründen.“ (S. 42) – Jeder, der heute vor der Aufgabe steht, eine Predigt oder einen Jugendabend über ein sexualethisches Thema zu halten, muss bei einem solchen Satz hellhörig werden.
Der Titel des Buches gibt wieder, was laut Becker die einschlägigen Texte des NT für Christusnachfolger als mögliche Lebensformen sehen: „Erstens die monogame, unverbrüchliche, christlich-endogame Ehe der Zweisamkeit von Mann und Frau; zweitens die monogame, unverbrüchliche, christlich-endogame Ehe von Mann und Frau mit Kindern; und drittens die mit Sexualverzicht einhergehende Ehelosigkeit christusgläubiger Männer und Frauen“ (S. 3; Anmerkung: „christlich-endogam“ bedeutet, dass beide Partner Christen sind). – Dies ist gewissermaßen die Quintessenz dessen, was der Autor in seinem Gang durch die biblischen Texte in Teil 2 überzeugend auf den Punkt bringt.
Mit der Untersuchung der Paulusbriefe (insbes. 1Thess, 1Kor) schlägt er eine erste wichtige Schneise, weil die Ehe von Mann und Frau als „Anti-Lebensform zu sexueller Zügellosigkeit, Bindungslosigkeit und Promiskuität“ vorgestellt (S. 45) und die theo- bzw. christozentrischen Motive christlicher Sexualethik herausgearbeitet werden.
Dass Matthias Becker bezüglich der Autoren und der Abfassungszeiten neutestamentlicher Texte einer historisch-kritischen Sichtweise folgt (Paulusbriefe, Spätdatierung der Evangelien, Deuteropaulinen usw.), mag auf evangelikale Leser zwar befremdlich wirken, sollte aber angesichts der Zielrichtung des Buches nicht überbewertet werden. Er spricht sich klar für eine Schriftbindung der Theologie aus und hebt die Autorität der Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testaments „als normatives Offenbarungszeugnis des lebendigen und wahren Gottes, der sich in Jesus Christus offenbart hat“, deutlich hervor (S. 177). Ihm gelingt es, die unterschiedlichen Akzente der jeweiligen Schriften pointiert darzustellen. So zeigt er z.B. auf, dass in den Pastoralbriefen heftige Kritik an der sexualasketischen Ehelosigkeit geübt wird (1Tim 4,3; 5,14), während in den frühen Paulusbriefen (1Kor 7) wie auch in den Evangelien (Mt 19,10-12) eine hohe Wertschätzung der Ehelosigkeit erkennbar ist, wobei erst die angeführten Gründe den Unterschied plausibel machen (vgl. S. 116-34).
Zu den fundamentalen Aussagen des Buches gehört die Beschreibung der Ehe von Mann und Frau. Reziprok und komplementär füreinander „geformt“ (S. 52) sind beide miteinander verbunden („zusammengeleimt“ - vgl. S. 91 FN 116), um – in einem anderen Bild gesprochen - eine „Jochgemeinschaft“ (S. 92-94) zu bilden. „Der Schöpfer des Lebens hat ... die eheliche Verbindung zu einer auf Dauer ausgerichteten Beziehung und Fortpflanzungsgemeinschaft bestimmt, die – potentiell – aus der heterosexuellen Ein-Fleisch-Werdung neues Leben hervorbringt in Übereinstimmung mit dem Vermehrungsauftrag des Schöpfers“ (S. 93).
Wer sich ein umfassendes und doch knapp dargestelltes Gesamtbild neutestamentlicher Ehe- und Familien- bzw. Sexualethik wünscht, ist mit der Lektüre von Teil 2 (am besten mit der parallel aufgeschlagenen Bibel) gut beraten. Zum Abschluss dieses Buchteils werden alle Begründungen aufgelistet, die das Neue Testament bezüglich Ehe, Familie oder Ehelosigkeit enthält, wobei sich die stärksten Begründungen laut Becker „primär und maßgeblich auf drei Größen berufen: Gott, Christus und die als heilig erachteten Schriften Israels“ (S. 161).
In Teil 3 mischt sich Matthias Becker in die kirchliche Diskussion ein und stellt mit dem Leipziger Alttestamentler Andreas Schüle die Frage, „ob ein gesellschaftlich eingeordnetes Mehrheitschristentum tatsächlich der ‚richtige‘ Weg“ sei (S. 164). Genauso wach wie die Lebenswelt der frühen Christen nimmt er das aktuelle Zeitgeschehen wahr und spricht sich dafür aus, „in der Ehe- und Familienethik nicht primär aus gesellschaftlichen Konventionen zu schöpfen, so als handelte es sich um ein Experimentierfeld des menschlichen Wünschens, Setzens, Ausprobierens, Machens oder Liebens, sondern sich aus theozentrischen, christusorientierten und schriftbezogenen Gründen in ein kritisches Verhältnis zu je aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu setzen.“ (S. 175-76)
Als wichtigen Impuls für Lehre und Gemeindepraxis empfinde ich auch die Beispiele schriftbezogener Begründungen (S. 178-81). Becker votiert dafür, dass man in der biblischen Begründung der Ehe- und Familienethik „nicht von vornherein paritätisch auf beide Testamente zurückgreifen sollte, sondern eine vom Neuen Testament herkommende Leitperspektive einnehmen muss – und zwar dergestalt, dass im Falle möglicher Sachdivergenzen die neutestamentlichen Stimmen das letzte Wort haben“ (S. 179). Solche Divergenzen sieht Becker z.B. bei den Themen Ehescheidung, Polygamie oder bei der Schwagerehe.
Es gäbe noch viele weitere bemerkenswerte Aussagen hervorzuheben. Als Essenz nehme ich aus diesem Buch mit, dass der ethische Istzustand der Gesellschaft – im Römischen Reich wie heute – für Christusnachfolger keinesfalls als Norm, sondern kritisch zu sehen ist, um aus einer theozentrischen, christusorientierten und schriftbezogenen Perspektive zu prüfen, was unterstützt werden kann und was nicht.
Allen Theologen und Leitern, die sich mit der Aufgabe konfrontiert sehen, eine Gemeinde durch die raue See der schwierigen Fragen rund um Sexualethik und LGBTQ+ zu navigieren, empfehle ich dieses Buch wärmstens.

Markus Schäller, DTh (UNISA)
Leiter Biblische Lehre & Theologie im
ChristusForum Deutschland
Lieber Markus Schäller, vielen Dank für den wichtigen Hinweis auf das Buch von Markus Becker. Ich fände es gut, wenn diese Rezension auch über "soziale Medien" verbreitet werden könnte, z.B. auf FB. Oder passiert das schon, und ich habe es übersehen?
Alles sehr wichtig und hilfreich!
Liebe Grüße, Gottes Segen,
roland werner
Danke für den Hinweis.
Die Rezension wurde auf unserer Facebook-Seite geteilt.
Alle Artikel können natürlich aber auch selbst auf den div Sozialen Medien geteilt werden.
https://www.brink4u.com/2024/09/13/buchrezension-ehe-familie-und-agamie/
Ich habe es in gekürzter Form auf meinem Blog brink4u.com veröffentlicht, mit Verweis auf das Christusforum.
Erscheint parallel auch auf biblipedia.de.
Das Buch gibt eine sehr saubere theologische Arbeit wieder, einschließlich umfangreicher Recherche von Lebensgewohnheiten in den Gesellschaften der Antike. Dabei zeigt sich allerdings in der Gesamtschau ein apologetischer Fokus. Da erscheint es wünschenswert (auch für die evangelisierende Praxis), wenn die christliche Lebenspraxis vom inkarnierten Glauben her ("Ihr seid Licht im Herrn" Eph. 5, 8) gezeigt wird. Dennoch bietet das Buch für die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen zeitgeistigen Strömungen eine wertvolle Hilfe.
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