Umgang mit Covid-19 (und anderen Konflikten und Polarisierungen!) in Gemeinden

17. Mai 2021

von Christoph Stenschke

Perspektiven aus Römer 14,1–15,8

Nach über einem Jahr Epidemie und unterschiedlichen, schnell wechselnden und oft kaum zu verstehenden behördlichen Maßnahmen herrscht in unserer Gesellschaft und auch in Gemeinden an vielen Stellen Frust und Verunsicherung. Die Polarisierung in unserer Gesellschaft findet sich, teilweise abgeschwächt, auch in Gemeinden wieder. Angesichts eines hoch komplexen und komplizierten Sachverhalts können auch Christen sehr unterschiedlicher Meinung sein. Vielleicht nach Jahren großer Einmütigkeit (die neben geistlicher Tugend und Disziplin vielleicht auch an mangelndem Interesse an großen gesellschaftlichen Fragen lag, die uns vermeintlich nicht direkt betreffen!) einer Gemeinde finden sich plötzlich Menschen zusammen (zumindest digital), die aufgrund ihrer Persönlichkeit oder eigener Vorerkrankungen (oder von Menschen in ihrem Umfeld) sehr vorsichtig und besorgt sind und/oder immer schon auf die genaue Befolgung staatlicher Vorgaben achten und dabei, biblisch fundiert, auf Römer 13,1-7 pochen. Andere halten das ganze „Getue“ für völlig überzogen, leugnen vielleicht Covid-19 ganz, sehen finstere Mächte am Werk oder sprechen beherzt von einem Generalangriff auf die Kirche.

Ähnlich weit liegen die Einschätzungen der zu treffenden Maßnahmen auseinander, in der Gesellschaft und vor allem in der Gemeinde. Verzichten wir besser ganz auf Veranstaltungen und Gottesdienste oder sollen wir, ebenfalls biblisch fundiert, auf Apostelgeschichte 5,29 pochen und „Gott mehr gehorchen als den Menschen“, also fröhlich Gottesdienst feiern im Wissen und Glauben, dass der Herr die Seinen schon kennt und bewahren wird? Und wenn eine Gemeindeleitung das ablehnt (die doch die Gemeinde zusammenhalten und geistlich leiten soll) und einen anderen Weg vorgibt, dann bleibt keine Alternative, als diese Gemeinde zu verlassen – aus Treue zu dem Herrn und seinem Gebot …

Auch wenn nur wenige Gemeindemitglieder solche Extrempositionen vertreten dürften, kann die Lage und ihre ganz unterschiedliche Deutung zu Polarisierungen führen. Wie gehen wir damit um? Im Neuen Testament ist in zwei Kapiteln von einer einigermaßen vergleichbaren Situation die Rede. Damals ging es nicht um den Umgang mit einer Pandemie und den zu treffenden Maßnahmen, sondern um die Frage, wie eng sich Christen an alttestamentliche Vorgaben halten sollen. Das betraf vor allem Angaben, wie sich Juden in einem heidnischen Umfeld verhalten und ihre jüdische Identität wahren sollen. In den verschiedenen Hausgemeinden in Rom stritten sich die sogenannten „Starken“ (die progressive, mehrheitlich wohl heidenchristliche Gruppe) und die „Schwachen“ (die konservative, mehrheitlich wohl judenchristliche Gruppe) darüber, ob Christen Fleisch essen und Wein trinken dürfen (Röm 14,2. 6 usw.). Dabei ging es nicht um Grundfragen der gesunden Ernährung oder ökologische Überlegungen. Wenn man die Tiere nicht selbst schlachten konnte (was in einer Stadt wie Rom schwierig war), sondern das Fleisch kaufen musste, musste man damit rechnen, dass die Tiere nicht nach jüdischem Schächtungsgebot und zudem oft in heidnischen Tempeln geschlachtet worden waren. Teile des Tieres wurde den heidnischen Göttern geopfert, der Rest verkauft. Dürfen Christen solches Fleisch unbedenklich verzehren? Ebenso wurde, wenn eine Amphore Wein geöffnet wurde, den Göttern eine Trankspende gebracht. Dann wurde der Wein verkauft und ausgeschenkt. Darf man diesen Wein dann noch trinken? Da war doch vom Buch Daniel her klar, wie vorzugehen war, oder (Dan 1)? Ferner war das Halten bestimmter Feiertage aus der alttestamentlich-frühjüdischen Tradition in den stadtrömischen Gemeinden umstritten (Röm 14,5. 6).

Als Folge dieser Auseinandersetzungen haben die „starken“ Christen die „schwachen“ als die „ewig Gestrigen“ verachtet, die die in Christus geschenkte Freiheit vom Gesetz nicht verstanden hatten und am Alten festhielten … und eben noch einen langen Weg vor sich hatten! Ach ja … Die „Schwachen“ dagegen haben die „Starken“ scharf gerichtet, die sich doch so offensichtlich über Gebote hinwegsetzten und riskierten, mit heidnischem Götzendienst in Berührung zu kommen oder damit in Verbindung gebracht zu werden. Ob solche Leute wirklich das Evangelium verstanden hatten und mit ihrem ganzen Leben Gott dienen wollten? Auf Fleisch und Wein wird man doch verzichten können und Feiertage haben doch dem geistlichen Leben immer gut getan, oder?

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Uns brauchen die Einzelheiten über die damals umstrittenen Positionen nicht weiter zu beschäftigen.[1] Viel spannender ist die Frage, welchen Rat Paulus in diese angespannte Situation des gegenseitigen Richtens und der Verachtung hinein gibt. Auch wenn unsere Situation heute eine andere ist, wir in ganz anderen Fragen unterschiedliche Positionen vertreten und dieser Abschnitt des Römerbriefs längst nicht alle konkreten Fragen beantworten kann, die Gemeinden und Gemeindeleitungen zur Zeit beschäftigen, enthalten die Weisungen des Paulus zeitlose Prinzipien, die uns herausfordern und weiterhelfen können.

Die Anwendung von Römer 14f auf die innergemeindlichen Polarisierungen in der gegenwärtigen Pandemie ist angesichts der Unterschiede zwischen damals und heute nicht ohne Probleme. Damals ging es um Fragen der Nahrung und des Haltens von Feiertagen. Unterschiedliche Positionen und ihr Ausleben betrafen nur Einzelne und hatten für andere – neben Anstoß und Ärgernis – keine oder nur geringe direkte Auswirkungen. Bei der Haltung zu den Corona-Schutzmaßnahmen geht es aber auch darum, dass man durch fehlende Rücksichtnahme seine Mitmenschen infizieren und damit je nach Verlauf massiv schädigen kann. Das ist ein Unterschied. Bei Fragen der Ernährung oder Feiertage ist es einfach, unterschiedliche Ansichten stehen zu lassen. Wenn aber viele Menschen weltweit sterben, wird die Frage, wie man sich verhalten soll, in ganz anderer Weise brisant.

Die Anweisungen des Paulus in die damalige Situation bestehen aus mehreren Aspekten, die eng miteinander verbunden sind:

1. Meinungen sind nicht das Evangelium

Streitet nicht über Meinungen“ (Röm 14,1). Für Paulus geht es bei diesen Fragen nicht um zentrale Inhalte des Glaubens. An anderen Stellen kann Paulus vehement für die Wahrheit des Evangeliums kämpfen, etwa wenn das Werk Jesu geschmälert oder aufgehoben wird. Das ist hier nicht der Fall – hier ist Paulus großzügig. Es geht um Fragen, bei denen Christen unterschiedlicher Meinung sein können und einander respektieren und ertragen sollen. Auch wenn aus der ganzen Argumentation ersichtlich wird, dass Paulus als Christ jüdischer Herkunft die Position der Starken für richtig hält und persönlich vertritt (15,1), wirft er nicht sein ganzes apostolisches Gewicht für diese Position in die Waagschale, sondern wirbt um gegenseitiges Verständnis und Ertragen.

Wenn beide Gruppen der Einschätzung des Paulus zustimmen, ist der Konflikt entschärft und lösbar. Schwierig wird es, wenn beide oder eine der Gruppen die Fragen anders einschätzt, wenn es also aus ihrer Sicht nicht um Meinungen, sondern um einen wesentlichen Bestandteil des Evangeliums oder des Wortes Gottes geht, dem man sich verpflichtet weiß und für den es einzutreten gilt.

In der gegenwärtigen Situation ist es wichtig daran zu erinnern, dass wir es überwiegend mit „Meinungen“ zu tun haben. Daher ist es nicht unser Auftrag als Christen und Gemeinden, die Trommel für oder gegen bestimmte Corona-Verordnungen, Impfungen, die Interpretation unterschiedlicher wissenschaftlicher Gutachten und Positionen, die Umsetzung behördlicher Vorgaben oder, oder, oder zu rühren, sondern zusammenzubleiben und das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen. Das können nur wir! Hier dürfen wir den Blick für das Wesentliche nicht verlieren. Aus der Perspektive der Ewigkeit ist nicht entscheidend, ob gesungen und geimpft wird oder ob Menschen an oder mit Corona sterben, sondern ob sie im Glauben an Jesus Christus leben und sterben.

2. Weder verachten...

Die Starken sollen die Schwachen im Glauben nicht länger verachten, sondern annehmen: „Den Schwachen im Glauben nehmt an!“ (Röm 14,1) – mit ihrer anderen Position und ihrer anderen Praxis. Sie sind doch Geschwister, für die Christus gestorben ist: „Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst“ (14,3). Schaffen wir es, Mitchristen, die anderer Meinung sind, anzunehmen, ihnen mit Liebe zu begegnen, sie zu respektieren und zu ertragen? Müssen andere alles genauso sehen und bewerten wie ich, um liebenswert und respektabel zu sein? Ist das die Grundlage der Gemeinschaft oder die gemeinsame Nachfolge? Was ist der Maßstab? Mit welcher Arroganz wäre diese Vorstellung verbunden! Und Hand aufs Herz … wer kann sich denn seiner Position angesichts der unübersichtlichen Lage, in der selbst ausgewiesene Spezialisten zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, so gewiss sein?

3. ...noch verurteilen

Genauso ausdrücklich verbietet Paulus aber auch den Schwachen, die Starken zu richten: „Wer nicht isst, der richte den nicht, der isst“ (Röm 14,3). Schluss mit taxieren, bewerten und verurteilen! Wichtig ist die Begründung: „denn Gott hat sie angenommen!“. Das letzte Urteil über Menschen, über die Geschwister, darf ich mir nicht anmaßen („Wer bist du denn, dass du einen fremden Knecht richtest?“, 14,4). Die Mitchristen „dienen“ nicht mir und werden von mir entsprechend bewertet und gerichtet, sondern vom Herrn selbst. Alles andere ist geistliche „Amtsanmaßung“. Wohlgemerkt, hier geht es nicht um die Wahrheit des Evangeliums oder um ein Leben in der Heiligung, das Paulus an anderen Stellen im Brief vehement einfordert, sondern um Meinungen. Da steht mir und Dir kein Urteil über andere zu. Wer von uns in den vergangenen Monaten und wann mit seiner Einschätzung der Lage und seinem entsprechenden Verhalten Recht hatte, wird sich zeigen und wird letztgültig das Urteil des Herrn offenbaren. Darum dürfen und brauchen wir nicht richten. Meine Mitchristen müssen sich nicht vor mir und meinen Mitstreitern verantworten, sondern: „Sie stehen oder fallen ihrem Herrn Jesus Christus“, nicht mir – und ich nicht ihnen. Das trägt wesentlich zur Entspannung bei. Und Paulus ist in diesem Fall gewiss, dass dieser Herr seine Knechte halten und annehmen wird: mich – und die, die anderer Meinung sind.

Später unterstreicht Paulus, dass wir alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden; dort wird jeder von uns Rechenschaft geben müssen (14,12) – auch für unseren Umgang miteinander, für unser scharfes Urteilen und unsere herablassende Verachtung anderer. Denken wir dran!

4. Umkehr statt Meinungsterror

Bei dieser Frage geht es Paulus nicht darum, dass er die Vertreter der anderen Position überzeugt oder dass die unterschiedlichen Gruppen einander beharken und traktieren, bis jemand nachgibt, bis die Penetranten und rhetorisch Geschickten gewinnen (getreu dem Motto „Du hast Recht und ich meine Ruhe“). Nein: jeder soll sich für sich seiner Position gewiss sein (Röm 14,5) … und damit gut! Man darf unterschiedlicher Meinung sein und soll sich damit stehenlassen.

Ich muss nicht bei jeder Gelegenheit mehr oder weniger charmant oder drängerisch, gebeten und ungebeten, meine Position vertreten und so die Gemeinschaft belasten. Sehe ich die Geschwister nur noch durch die „Fleisch-Wein-Feiertags“-Brille oder die „Umgang mit Corona“-Brille? Ist das das einzige Kriterium für rechten Glauben und Gemeinschaft geworden? Geht es in einem polarisierenden Schwarz-Weiß-Denken nur noch um die aktuellen, umstrittenen Positionen? Habe ich all das Gute, was wir vielleicht über Jahre miteinander erlebt haben, die Gemeinschaft, den gemeinsamen Dienst und Auftrag überhaupt noch im Blick oder geht es nur noch um Viren, Masken und Impfstoffe? Wenn dem so ist, was ist schiefgegangen? Dann brauchen wir nicht Verdächtigungen und hitzige Debatten, sondern Umkehr und die Liebe Christi.

5. Entscheidend ist die Motivation, zur Ehre Gottes zu leben

Jeder soll im Blick auf den Herrn und in Verantwortung vor ihm handeln: „Wer auf den Tag achtet, der tut’s im Blick auf den Herrn; wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst nicht im Blick auf den Herrn, und dankt Gott auch!“ (Röm 14,6). Das ist bei näherem Hinsehen atemberaubend: Wir sollen einander die richtige Motivation unterstellen und glauben! Christen, die anderer Meinung sind als ich und anders handeln, sind nicht ewig gestrig, ungehorsam, borniert, rührend naiv, usw., sondern wollen mit ihrem Denken und Handeln auch ihrem und meinem Herrn gefallen. Sie handeln auch im Blick auf ihn und wollen ihm mit ihrem Verhalten danken! Nicht nur ich will dem Herrn Jesus Christus gefallen, andere wollen das auch. Wir alle wollen mit unserem Leben und Sterben den Herrn Jesus ehren (14,7) – auch wenn das im Alltag anders konkret werden mag. Wenn wir das nur sehen und einander glauben könnten, wären viele Konflikte entschärft und erschienen in einem andern Licht. Entscheidend ist die Motivation, dass wir zur Ehre des Herrn leben und vor ihm bestehen wollen (14,8). Über all dem steht das Herr-Sein Jesu über Tote und Lebende (14,9). Das, bzw. er muss der gemeinsame Fokus allen Denkens, Redens und Handelns sein.

6. Liebloses Handeln ist kein Kavaliersdelikt

Christen sollen ihren ganzen Sinn darauf richten, dass sie mit ihren Meinungen ihren Mitchristen keinen Anstoß oder kein Ärgernis bereiten – durch ihr Reden und Handeln (Röm 14,13). Kann ich mich um der Gemeinschaft willen, um Jesu willen, zurücknehmen und zurückhalten? Muss ich immer alles zum Besten geben, was ich denken mag, und demonstrativ handeln? Kann ich nicht einfach die geforderte Maske aufsetzen und mich an die Regeln halten – auch wenn sie mir an der einen oder anderen Stelle absurd erscheinen mögen? Kann ich es ertragen, wenn jemand die Dinge anders handhabt? Wer durch sein demonstratives, selbstsicheres und selbstbewusstes Verhalten in die eine oder andere Richtung seine Mitchristen betrübt oder belastet, handelt nicht mehr nach der Liebe – sondern selbstgefällig und selbstsüchtig. Wenn der zweite Teil des Doppelgebotes der Liebe, das den Mitmenschen gilt, den Willen Gottes zusammenfasst, dann ist liebloses Handeln kein Kavaliersdelikt. Mitchristen, für die Christus doch gestorben ist, sollen durch mein Verhalten nicht ins Verderben gebracht werden (14,15). Die gegenwärtige Herrschaft Gottes und ihre zukünftige Vollendung besteht doch aus Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem Heiligen Geist! (14,17) und nicht aus Essen und Trinken, auch nicht aus den heute heiß diskutierten Fragen, sondern. „Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen beachtet“ (14,18). Wieder eine Frage der richtigen Prioritäten: worauf kommt es denn wirklich an?

7. Dient mein Verhalten dem Frieden und der Erbauung?

Nachfolger Jesu streben dem nach, was zum Frieden und zur Erbauung dient (Röm 14,19). Ein wunderbar einfacher Maßstab: trägt mein Reden und Handeln in diesen schwierigen Zeiten zum Frieden bei oder bin ich einer der „Scharfmacher“? Dass das ganz unterschiedliche Formen annehmen kann, wissen wir zu gut. Daher sind wir als Christen aufgefordert, um der Gemeinschaft in Christus willen zu verzichten und uns zurückzunehmen (14,20–21). Es ist besser du tust nichts, woran sich dein Mitchrist stößt. Um der Einheit der Gemeinde willen werden die Starken aufgefordert, ihre – von Paulus geteilte – Position nicht auf Kosten der in Christus geschenkten Gemeinschaft durchzusetzen. Sie sollen ihre Position beibehalten, aber in der Begegnung mit den Schwachen Rücksicht nehmen, also bei den gemeinsamen Mahlzeiten, die Ausdruck dieser Gemeinschaft sind, auf Fleisch und Wein verzichten. Kann ich mich zurückhalten um der Geschwister willen oder muss ich mich um jeden Preis durchsetzen? Wenn letzteres, dann nehme ich mich viel zu ernst!

8. Orientierung am Vorbild Jesu

An die Starken gerichtet schreibt Paulus, dass „wir das Unvermögen der Schwachen tragen sollen und keinen Gefallen an uns selbst haben“ (Röm 15,1). Zum Tragen und Ertragen der anderen gehört eine klare Absage an Überheblichkeit und Überlegenheitsgefühle – selbst wenn wir inhaltlich Recht und die Fakten auf unserer Seite haben mögen. Vielmehr, und das gilt allen Christen in Rom: „Jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung“ (15,2). Ziel ist das gemeinsame Gute und geistliche Wachstum. Darauf muss unser Augenmerk liegen – bei allen unterschiedlichen Meinungen. Begründet wird diese Forderung mit dem Vorbild Jesu, der nicht Gefallen an sich selbst hatte (15,3) – der sich nicht selbst gefeiert und seine Interessen zum Maß aller Dinge gemacht hat (vgl. Mk 10,45). Auf wen und was hat er sich mit seinem Kommen auf diese Erde eingelassen! In welche heftigen Debatten und Polarisierungen hinein war er gekommen. Später spricht Paulus vom Gott der Geduld und des Trostes, der eine einträchtige Gesinnung nach dem Vorbild Jesu geben kann (15,5). Diesem Gott entsprechen seine Kinder in ihrem Umgang miteinander: Geduld miteinander, auch mit den Positionen der anderen, und einander trösten – nicht unter den Tisch diskutieren oder das Gespräch verweigern.

9. Annahme – Vergebung – Versöhnung

Diese Gesinnung „Christus Jesus gemäß“ ist die Voraussetzung, „damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (Röm 15,5). Das ist die Bestimmung von Gemeinden aus ganz unterschiedlichen Leuten. Nichts soll dem gemeinsamen Lob Gottes im Weg stehen. Lassen die Polarisierungen und Grabenkämpfe, die wir zurzeit an manchen Stellen erleben und führen, den gemeinsamen Lobpreis zur Farce werden (so er denn stattfinden kann)? Brauchen wir dann zuerst eher Umkehr und Versöhnung (im Gefolge von Mt 5,23–24)?

Unabhängig davon, ob wir als Gemeinden in hoffentlich wenigen Monaten unsere neu entdeckten, digitalen Formate fortführen, zunächst oder dauerhaft zu unseren gewohnten Formaten zurückkehren oder noch ganz andere Wege gehen werden, werden wir in vielen Fällen eine Zeit des neuen Aufeinander-Zugehens, der Aufarbeitung, der Versöhnung und vertrauensbildenden Maßnahmen brauchen, um diese Einheit und Einmütigkeit wieder zu finden. Rechnen wir damit und bereiten wir uns vor! Nehmen wir einander an, so wie Christus uns angenommen hat (15,7).

10. Einander zumuten anstatt auseinander zu gehen

Abschließend noch eine wichtige Beobachtung: Paulus plädiert nicht für pragmatische Trennungen, hier Gemeinden der Starken, in anderen Gemeinden sammeln sich die Schwachen. Nein, Paulus mutet beide Gruppen einander zu … in Liebe, damit sie Geduld und Ertragen lernen, einander korrigieren können, Rücksichtnahme einüben zur Ehre Gottes und zum gemeinsamen Zeugnis. Einfach Hinschmeißen und verärgert weggehen, das sind für Paulus keine Optionen.

Christoph Stenschke




Prof. Dr. Christoph Stenschke

Dozent für Neues Testament an der BTA Wiedenest

 



[1] Vgl. A. Pohl, Der Brief des Paulus an die Römer, Wuppertaler Studienbibel: Ergänzungsfolge (Wuppertal: R. Brockhaus, 1998), 277–296 oder K. Haacker, Der Brief des Paulus an die Römer, 4. verb. Aufl., ThHK 6 (Leipzig: EVA, 2012), 329–350.

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2Kommentare

  • !
    Wilfried Eckhoff
    22.05.2021 09:23 Uhr

    Für mich der wegweisendste Artikel zum Thema. Er macht Mut, uns auf den geistlichen Umgang mit anders Denkenden einzulassen, im Licht des Evangeliums, der Liebe Jesu. Welche eine Wohltat in einer Gesellschaft, wo zahlenmäßig kleine Gruppen Hass und Wut herausschreien und sogar einzelne Christen unter Bezug auf Geheimwissen Fehlinformationen verbreiten, die tiefe Gräben zwischen Gläubigen ziehen. Es gibt so viele Besserwisser. Stenschke "beschränkt" sich auf das, was er kann: Er legt die Bibel aus. Als einer, der weiter lernen will.

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  • !
    ChristusForum Deutschland
    22.05.2021 10:54 Uhr

    Herzlichen Dank für Ihr reflektiertes Feedback!
    [DP]

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Bildnachweis: Photo by Gabriella Clare Marinoon on Unsplash

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