Gemeinde nach Corona

19. Jul 2021

von Martin Sinn

Thesenpapier: Gemeinde nach Corona

Seit mehr als einem Jahr gestalten Kirchen und Gemeinden ihr Gemeindeleben unter den Einschränkungen und Vorgaben der wechselnden Corona Schutzbestimmungen. Verantwortlich und kreativ wurden in kürzester Zeit Veränderungsprozesse initiiert und umgesetzt, für die es sonst lange Abstimmungs- und Umsetzungsprozesse gegeben hätte. Mittlerweile gehören Online-Gottesdienste und Videokonferenzen zum Gemeindealltag und die Zeit in der wir uns unbekümmert ohne Abstand und Maske treffen konnten, fühlt sich bereits wie eine Wirklichkeit aus vergangenen Zeiten an.

Durch die Impfungen sehen wir langsam Licht am Ende des Tunnels. Wir wissen aber auch, dass wir das Virus nicht einfach auslöschen werden und dass auch die Zukunft mit Corona gestaltet werden muss. Und ohne jetzt schwarzmalen zu wollen, müssen wir uns darauf einstellen, dass es auch in Zukunft Pandemien oder andere Krisen mit globalen Auswirkungen geben kann.

Die Gemeinde Jesu hat in der Corona Krise bewiesen, dass sie mit Krisen umgehen kann, dass sie nicht nur reagiert, sondern auch kreativ nach vorne denkt, agiert und die Chancen einer Krise erkennt und nutzt. Wer sollte krisenfest sein, wenn nicht die Gemeinde Jesu!

Nachdem ich im November 2020 in einer ersten Untersuchung gefragt habe, wie Gemeinden mit der Corona Krise umgehen, habe ich im Februar 2021 in einer zweiten Untersuchung danach gefragt, was Gemeinden in der Corona Krisen gelernt haben und wie Gemeinden sich in Zukunft verändern werden. Dazu habe ich Interviews mit Verantwortlichen aus freikirchlichen Gemeinden geführt, an Online Veranstaltungen zum Thema teilgenommen und die Ergebnisse von Online Befragungen (KirchenFeedback[1] und Willowcreek[2]) berücksichtigt.

Anhand von einigen Thesen möchte ich beschreiben, wie sich aus heutiger Sicht Gemeinden in Zukunft entwickeln werden.

Willkommen in der digitalen Welt der unbegrenzten Möglichkeiten

Schon vor der Pandemie haben Gemeinden die Möglichkeiten genutzt das Evangelium durch Podcasts, Webinare, Social Media oder über Online Gottesdienste und Worship Videos zu verbreiten. Durch die Pandemie ist das Angebot geradezu explodiert. Ungezählte Gemeinden laden ihre Gottesdienste auf YouTube hoch, verstärken ihre Präsenz in den sozialen Medien und nutzen Videokonferenzen für den Gemeindealltag. Parallel dazu entwickeln sich die technischen Möglichkeiten und Softwarelösungen rasant weiter und vergrößern die Möglichkeiten immer mehr.

Ohne die Pandemie hätte es noch Jahre gedauert, bis viele Gemeinden die digitalen Möglichkeiten in diesem Umfang genutzt hätten. Ein Land mit vielen Möglichkeiten für die Verbreitung des Evangeliums wird entdeckt und eingenommen. Die Einen tun dies mit Offenheit und Begeisterung und andere wiederum sind skeptisch und warnen vor Datenmissbrauch und anderen Gefährdungen. Die technische und inhaltliche Qualität der Angebote hat eine große Bandbreite, von hausbacken bis professionell. Je nach theologischer Prägung und Gemeindehintergrund werden bei der Bewertung andere Maßstäbe angelegt.

Wie auch immer man die digitalen Angebote der Gemeinden bewerten mag; ich bin davon überzeugt, dass missionarische und wachsende Gemeinden sich in Zukunft auf dem Feld der Digitalisierung auskennen und am Ball bleiben müssen. Das Gemeindeverständnis muss um die Gruppe der digitalen Besucher erweitert werden. Sie sind als gleichberechtigter und legitimer Teil der Gemeinde zu verstehen. Das schließt für mich ein, dass Gemeindebesucher, die sich vorrangig als digitaler Teil der Gemeinde verstehen wollen, auch als solche akzeptiert werden, selbst wenn die Mehrheit die Präsenzgemeinde als das bessere Modell versteht.

Um in der digitalen Welt wahrgenommen, gehört und gesehen zu werden halte ich folgende Punkte für wichtig:

  • Authentizität: die Online Angebote müssen echt und lebensnah sein und mit der analogen Wirklichkeit in Übereinstimmung sein. Digitale Gottesdienstbesucher, die an Präsenzangeboten der Gemeinde teilnehmen, müssen erleben, dass sie das, was sie digital erlebt haben auch in der analogen Wirklichkeit spüren und wiederfinden.
  • Die Qualität der digitalen Angebote muss in jeder Hinsicht gut sein, nicht unbedingt perfekt, aber attraktiv. Technisch gesehen gehören dazu eine gute Videotechnik, Licht und Ton. Inhaltlich brauchen die Veranstaltungen einen guten Spannungsbogen. Sie müssen klar, verständlich, interessant und zeitlich begrenzt sein.
  • Die Gemeinde muss sich mit einem authentischen Profil unverwechselbar präsentieren, wiedererkennbar sein, um sich von dem unüberschaubaren Angebot im Netz abzuheben.
  • Die digitalen Zuhörer oder Zuschauer müssen aktiv angesprochen und eingeladen werden. Es braucht niederschwellige und attraktive Angebote, über die ein digitaler Zuschauer in einen direkten Kontakt mit der Gemeinde treten kann.
  • Damit eine Gemeinde wahrgenommen wird und digitale Angebote bekannt werden, muss eine Gemeinde auf den verschiedenen Ebenen gleichermaßen mit einem aktuellen Auftritt präsent sein: Homepage, Soziale Medien und YouTube.

Hybrid – das neue Modell für den Gemeindebau

Die meisten Gottesdienstbesucher sehnen sich danach, wieder unbeschwert Präsenzgottesdienste feiern zu können. Sie freuen sich auf die Gemeinschaft, auf Feiern, die Atmosphäre im Gottesdienst, den gemeinsamen Lobpreis und das Abendmahl.

Gleichzeitig haben aber auch viele die Möglichkeit von Online-Gottesdiensten schätzen gelernt. Sonntags Berufstätige, Alte, Kranke und Familien wird dadurch die Teilhabe am Gottesdienst ermöglicht oder vereinfacht. Darüber hinaus gibt es Menschen, die es einfach lieben bequem von zuhause aus, vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, den Gottesdienst verfolgen zu können. Es gibt Menschen, die lieber für sich allein, als in Gemeinschaft sind und die für die neuen Möglichkeiten dankbar sind. Und dann gibt es die große Gruppe der kirchenfernen Menschen. Durch die Online Gottesdienste haben sich ganz neue missionarische Möglichkeiten ergeben, nie war die Schwelle niedriger zu einem Gottesdienst einzuladen und diese Einladung anzunehmen. Bei der Umfrage des KirchenFeedbacks geben 29% der Befragten an, dass kirchenfremde Menschen aus ihrem Umfeld durch Online Angebote der Gemeinde angesprochen wurden und 12% gaben an, dass durch die Online Angebote Menschen neu zur Gemeinde gekommen sind.

Die eingangs erwähnten Online Umfragen haben ergeben, dass mehr als 95% der Gemeinden mit ihrem Gottesdienst online sind, zum größten Teil über einen Live-Stream oder alternativ als Aufzeichnung oder als Zoom-Gottesdienst. Mehr als 2/3 der Gemeinden planen ihren Gottesdienst auch in Zukunft live zu streamen. Nur gut die Hälfte der Gottesdienstbesucher plant nach der Pandemie am Gottesdienst ausschließlich analog teilzunehmen, etwa 1/3 mal so, mal so.

Gemeinden, die auch in Zukunft sowohl ihre Gemeinde als auch neue Leute erreichen wollen, werden auf hybride Gottesdienstformen setzen.

Da in hybriden Gottesdiensten sowohl die Präsenzgemeinde, als auch die Online Gemeinde angesprochen wird, müssen beide Teilgemeinden gleichermaßen aktiv angesprochen und einbezogen werden. Dies geschieht bereits jetzt in vielen Gottesdiensten durch eine direkte Ansprache der Online-Gemeinde, durch Livechats oder interaktive Plattformen wie Slido und Mentimeter.

Hybrid wird in Zukunft aber nicht nur der Gottesdienst sein, auch bei anderen Formaten wird es in Zukunft entweder parallel oder abwechselnd Präsenz- und Onlinemeetings geben. Dies gilt z.B. für Leitungs- und Mitarbeitertreffen, Gebetstreffen, Gemeindeversammlungen, Kleingruppen und Schulungsangebote. Die Terminfindung bei Online Terminen ist einfacher und die Teilnahme oft größer. Hier braucht es in Zukunft ein gutes Verhältnis zwischen Präsenz- und Onlinetreffen.

Gemeinschaftsorientiert

Online Angebote können das Bedürfnis nach Nähe, Gemeinschaft, Unmittelbarkeit nur sehr bedingt abdecken. Hier wird übereinstimmend im Moment der größte Mangel empfunden. 43% der Befragten beim KirchenFeedback geben an, dass ihre Bindung zur Ortgemeinde weniger geworden ist. Dies zeigt sich die grundlegende Schwäche vieler Gemeinden, die ihren Fokus auf den Gottesdienst ausgerichtet haben und die Entwicklung von Kleingruppen vernachlässigt haben. Auf der anderen Seite geben 30% der Befragten an, dass ihre Beziehung zu Gott intensiver geworden ist, für 57% ist sie gleichgeblieben und nur 13% geben eine Verschlechterung an, ein Indiz dafür, dass für den persönlichen Glauben Online Angebote (vorübergehend) ausreichen können.

Photo by Forest Simon on Unsplash

Die Konzentration auf die Entwicklung von beziehungsorientierten Angeboten wird in Zukunft für die Ortsgemeinde eine zentrale Aufgabe sein. Der Gottesdienst ist nicht mehr der zentrale Punkt für die Identifikation mit einer Ortsgemeinde, sondern die erlebte Zugehörigkeit in der Kleingruppe oder bei Feiern und Events in der Gemeinde vorort.

Eine positive Tendenz in der Pandemie ist die Wiederentdeckung des Gesprächs zu zweit, sei es am Telefon oder bei einem Spaziergang. Viele berichten über intensive und mutmachende Gespräche, über Beziehungen die vertieft wurden. Diese mutmachende Entwicklung sollte durch die Gemeinden weiter unterstützt und gefördert werden.

Gemeinden benötigen aus meiner Sicht in Zukunft hauptamtliche Mitarbeiter, die beziehungsorientierte Angebote entwickeln, fördern und initiieren. Das biblische Bild des Hirtendienstes, bringt es für mich gut auf den Punkt. Es werden Hirten benötigt, die die Menschen im Blick haben, die Kleingruppen fördern, Seelsorge und Beratungsangebote zur Verfügung stellen und Gemeinschaftsevents planen.

Gemeinden vernetzen sich

Die Anforderungen an die digitalen Angebote und die Förderung der Gemeindearbeit Vorort erfordern ein immer größeres Maß an Spezialisierung. Das Bild des Pastors als Allrounder, der predigt und lehrt, sich um die Gemeindeleute kümmert, die Internetseite der Gemeinde betreut und nebenbei noch die Öffentlichkeitsarbeit macht muss spätestens jetzt Vergangenheit sein.

Da sich vermutlich nur größere Gemeinden einen Stab von Spezialisten für die unterschiedlichen Bereiche leisten können, ist die gegenseitige Unterstützung von Gemeinden nicht nur wünschenswert, sondern für viele Gemeinde existentiell geworden.

Im technischen Bereich denke ich daran, dass Gemeinden ihr Know How und ihre Ressourcen mit anderen Gemeinden teilen. Vermutlich wird es mehr Dienstleister für Gemeinden im digitalen Bereich geben. Nicht jede Gemeinde wird in der Lage sein, mit der Entwicklung der technischen Möglichkeiten Schritt zu halten und diese sinnvoll in die Gemeindewirklichkeit umsetzen zu können. Daher brauchen viele Gemeinden externe Unterstützung und die Bereitschaft kontinuierlich in diesen Bereich zu investieren.

Für kleine Gemeinde ohne eigenen Pastor ergeben sich neue Herausforderungen, aber auch Perspektiven. Diese Gemeinden müssen jetzt einen großen Teil ihrer Ressourcen in die Aufrechterhaltung des sonntäglichen Gottesdienstes investieren. Durch das große Angebot an guten Online-Gottesdiensten sind die Ansprüche an einen Präsenz-Gottesdienst in der eigenen Gemeinde gestiegen. Die Gottesdienstbesucher haben in den letzten Monaten gelernt, dass sie bequem an inspirierenden und guten Online-Gottesdiensten anderer Gemeinden teilnehmen können, bei denen sie ermutigt werden und geistlich wachsen können. Dies kann zu einem weiteren Rückgang der Gottesdienstbesucher in kleinen Gemeinden führen.

Alternativ können kleine Gemeinde ohne großen Aufwand über einen Live-Stream an einem attraktiven Gottesdienst einer befreundeten Gemeinde teilnehmen. Die Zeit vor und nach dem Gottesdienst wird beziehungsorientiert durch die Gemeinde vorort gestaltet. So werden Ressourcen frei, um das übrige Gemeindeleben zu entwickeln und um Menschen Vorort ein geistliches Zuhause zu geben.

Vermutlich wird es für die Art der Zusammenarbeit von Gemeinden verschiedene Modelle geben. Angefangen von der beschriebenen digitalen Teilnahme am Gottesdienst, kann es unterschiedlich gestaltete Kooperationen geben, bei der die Gemeinden weiterhin selbstständig bleiben. Konsequent ist die Bildung von Multi Site Gemeinden, bei der sich kleine Gemeinde einer größeren Gemeinde anschließen und ein Teil von ihr werden. Durch die gemeinsamen Ressourcen der Multi Site Gemeinde entstehen neue Möglichkeiten die Arbeit der Gesamtgemeinde zu entwickeln und Synergien zu nutzen. Neben den Präsenzangeboten vor Ort wird die gemeinsame Gemeindearbeit durch Online Angebote standortübergreifend unterstützt.

Diese Entwicklungen werden zur Folge haben, dass der Bedarf an Theologen und Lehrern abnehmen wird, da Pastoren über den digitalen Weg zeitgleich mehrere Gemeinden versorgen können. Auf der anderen Seite werden Ressourcen frei, um hauptamtliche Mitarbeiter für andere Bereiche der Gemeindearbeit einzustellen.

Die Möglichkeiten Menschen zum Glauben an Jesus Christus einzuladen und lebendige Gemeinden zu entwickeln haben sich während der Corona Krise deutlich erweitert. Die Verantwortung des Einzelnen für seine persönliche Glaubensentwicklung ist gewachsen, da feste Bezugspunkte, wie der wöchentliche Präsenzgottesdienst weggefallen sind. Der Einzelne hat noch mehr als vorher dafür Sorge zu tragen, dass er geistlich wächst und Teil einer geistlichen Gemeinschaft ist. Für die Gemeindearbeit ist es in Zukunft noch wichtiger den einzelnen Menschen im Blick zu haben und weniger veranstaltungsorientiert als vielmehr beziehungsorientiert zu arbeiten.

Die Möglichkeiten Menschen zum Glauben an Jesus Christus einzuladen und lebendige Gemeinden zu entwickeln haben sich während der Corona Krise deutlich erweitert. Die Verantwortung des Einzelnen für seine persönliche Glaubensentwicklung ist gewachsen, da feste Bezugspunkte, wie der wöchentliche Präsenzgottesdienst weggefallen sind. Der Einzelne hat noch mehr als vorher dafür Sorge zu tragen, dass er geistlich wächst und Teil einer geistlichen Gemeinschaft ist. Für die Gemeindearbeit ist es in Zukunft noch wichtiger den einzelnen Menschen im Blick zu haben und weniger veranstaltungsorientiert als vielmehr beziehungsorientiert zu arbeiten.

Christoph Stenschke




Martin Sinn

Coach, Supervisor und Gemeindeberater, lebt in Wetter (Ruhr) und gehört dort zur EFG Wetter - Ruhrkirche. Er ist verheiratet und hat 3 erwachsene Kinder.


 



[1] Online Corona-Umfrage von KirchenFeedback mit 2.337 Teilnehmern (Stand 2. März 2021). Weitere Ergebnisse unter www.kirchenfeedback.de

[2] Instagram Umfrage von Willowcreek Deutschland

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Bildnachweis: Photo by Forest Simon on Unsplash

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